Adventskalender (6): FC Everton: Streit um Anfield-Miete sorgte für Gründung des FC Liverpool

Tag 6 im Blog-Adventskalender hier auf Tippspielcorner. Jeden Tag bis Heilig Abend gibt es einen neuen Blogbeitrag mit einer Anekdote, einem Rekord oder einem Kuriosum aus der Welt des Fußballs. Immer um 0 Uhr erscheint der neue Artikel. Hier könnt ihr alle Adventskalenderbeiträge einsehen.


Wie Anfields Mietstreit Liverpool formte

Die Geburtsstunde des FC Liverpool unterscheidet sich von der Entstehungsgeschichte anderer Fußballclubs. Es begann nicht mit Männern, die gemeinsam Fußball spielen wollten, sondern mit einem Streit um die Stadionmiete. Das Stadion um das es geht ist kein geringeres als das weltberühmte Anfield-Stadion in Liverpool. Anfield war damals noch Heimat des FC Everton, den heutigen Stadtrivalen des FC Liverpool. Doch als Everton Ende des 19. Jahrhunderts noch in Anfield spielte, gab es den FC Liverpool noch überhaupt nicht.

Die Ausgangslage: Everton zieht nach Anfield

In den frühen 1880er-Jahren war der Everton Football Club einer der aufstrebenden Vereine des Landes. Er formte sich aus Mitgliedern einer methodistischen Kirchengemeinde, die im Sommer Cricket spielte. Da diese Sportart aber nur im Sommer spielbar ist, formte sich bald eine Fußballmannschaft, der St. Dominigo Football Club. Schon kurz nach der Gründung zog der Club großes Publikumsinteresse auf sich, auch außerhalb der Kirchengemeinde. Es folgte die Umbenennung in Everton Football Club. Die Mannschaft spielte zunächst auf wechselnden Wiesen und Plätzen, doch schlechte Platzverhältnisse und steigende Zuschauerzahlen machten es nötig, eine geeignete Spielstätte zu finden. An diesem Punkt kommt der Everton-Anhänger und lokaler Brauereibesitzer John Houlding ins Spiel. Houlding, der später Vereinsvorsitzender wurde, mietete von der Orrell-Brothers-Brauerei das Gelände an der Anfield Road an und vermietete es an den FC Everton weiter. Ab September 1884 spielte der FC Everton fortan an der Anfield Road und verwandelte sich vom Freizeitclub einer Kirchengemeinde in einen Profiverein. Der Aufstieg war rasant: Schnell lockte Everton tausende Fans ins Stadion um die „Toffees“ zu sehen – ein Spitzname, der bis heute geblieben ist.

Das Stadion wuchs, die Einnahmen stiegen, und Everton wurde 1888 Gründungsmitglied der Football League. Doch mit dem Erfolg kamen auch die Spannungen: Houlding hatte Anfield zwischenzeitlich gekauft und war nun selbst Vermieter des Stadions. Der sportliche Erfolg weckte Begehrlichkeiten bei Houlding, der sich kurzerhand zu einer Verdopplung der Stadionmiete entschloss.

Die Vereinsverantwortlichen beim FC Everton wollten das nicht mit sich machen lassen und der Streit eskalierte. Unweit der alten Wirkungsstätte wurde im Goodison Park eine neue Heimat gefunden, die erst zur aktuellen Saison aufgegeben wurde. Beide Stadien befinden sich in Sichtweite zueinander, nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.

Houlding verlässt den Verein und gründet den FC Liverpool

Anfield-Besitzer Houlding hatte sich verzockt und stand nun mit Stadion aber ohne Mannschaft da. Er verließ wütend den FC Everton und mit ihm rund 20 weitere Männer, die den Umzug in den Goodison Park nicht mitmachen wollten. Sie gründeten als Folge des Umzugs am 15. März 1892 in Houldings Haus den Liverpool FC.

Was noch fehlte, war eine Mannschaft. Um dieses Problem zu lösen wurden 13 Spieler aus Schottland rekrutiert, die das erste Spiel der Vereinsgeschichte direkt mit 7:1 gewinnen konnte. Gegner war Rotherham Town.

Liverpool musste anfangs in einer unterklassigen Liga starten, konnte aber schon 1893 den erstmaligen Aufstieg in die oberste Spielklasse feiern, nachdem die Saison ohne Niederlage beendet wurde.

Was als Ersatzgründung begann, entwickelte sich in atemberaubender Geschwindigkeit zu einer Erfolgsgeschichte. Besonders interessant ist, dass Houlding den neuen Club bewusst mit einer offenen Haltung zur Arbeiterschicht ausstatten wollte. Er war Pragmatiker und Geschäftsmann, doch in Liverpool formte sich nun eine Kultur, in der Fußball zum Ausdruck sozialer Identität wurde. Während Everton oft als der „bürgerliche“ Club galt, nahm Liverpool früh die Rolle des kämpferischen Stadtteils ein.

Frühe Rivalität und bleibendes Erbe

Die ersten Derbys zwischen Everton und Liverpool, die später als „Merseyside Derbies“ bekannt wurden, waren mehr als sportliche Begegnungen. Es ging um Stolz, Rechtfertigung und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Dass beide Stadien kaum voneinander entfernt liegen, unterstreicht bis heute das Kuriose dieser Rivalität: Zwei Vereine, geboren aus einem Streit, lebendig im gemeinsamen Herz derselben Stadt.

Mehr als ein Jahrhundert später hallt die Geschichte des Mietkonflikts noch immer durch die Tribünen Anfields. Der Streit zwischen George Rae und John Houlding war der Auslöser für ein Kapitel, das Fußball und Stadtgeschichte untrennbar miteinander verknüpfte.

Und so bleibt die Ironie bestehen: Ohne den Streit um ein Stück Land gäbe es heute wohl keinen FC Liverpool. Seit dieser Saison ist die geografische Entfernung beider Clubs aber größer geworden. Der FC Everton bezog sein neues Stadion, das Hill Dickinson Stadium, auf dem Gelände des ehemaligen Bramley-Moore-Docks. Nach anfänglichen Abrissplänen dient der Goodison Park seit dieser Saison der Frauenmannschaft des FC Everton als Heimstätte.

Der FC Liverpool spielt weiterhin in der Anfield Road und so bleibt die Fußballgeschichte an diesem Ort weiterhin greifbar und lebendig.

Das Anfield Stadion kann übrigens besichtigt werden, auch wenn gerade kein Spiel stattfindet. Meinen Erfahrungsbericht dazu findet ihr hier.

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