Schon vor einiger Zeit stolperte ich in der Regionalliga Südwest über den FC-Astoria Walldorf. Gestolpert, weil der Vereinsname (Astoria) mich aufhorchen ließ. Die Namen Wal(l)dorf und Astoria sind weltberühmt und die groben Zusammenhänge waren mir bereits bekannt. Dass es aber auch einen namentlich passenden Fußballverein gibt, das war mir neu. Deshalb stieg ich etwas tiefer in die ganzen Namenszusammenhänge ein und möchte euch mit diesem Artikel an den – wie ich finde – spannenden Fakten teilhaben lassen. Denn tatsächlich hat das weltberühmte Waldorf=Astoria-Hotel in New York etwas mit den Waldorfschulen, dem Waldorfsalat und der Stadt Walldorf zu tun und somit auch mit dem besagten Fußballverein. Denn auch wenn sich die baden-württembergische Stadt heutzutage mit Doppel-L schreibt, so gehen die besagten Waldorf-Bezeichnungen alle auf diese Stadt zurück.
Ursprünge in der Stadt Walldorf
Die Stadt Walldorf liegt heute im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg und hat rund 15.000 Einwohner. Bekannt ist sie einerseits aus dem Verkehrsfunk wegen des Autobahnkreuzes Walldorf und als Hauptsitz der Softwarefirma SAP. Am 17. Juli 1763 wurde in diesem Ort Johann Jakob Astor geboren, der 1848 in New York als John Jacob Astor starb. Dieser Mann gilt als Begründer der bis heute berühmten Astor-Familie, die in diesem Artikel eine große Rolle spielt. Alle Astors und Astorias, die in diesem Beitrag genannt werden, hätte es ohne ihn wohl nicht gegeben.
Johann Jakob Astor wuchs als Sohn eines Metzgers in ärmlichen Verhältnissen auf. Aus diesem Grund suchte er, wie seine Brüder, sein Glück im Ausland und ging nach London. Dort fertigte sein Bruder Georg Peter Astor Musikinstrumente und betrieb einen Musikalienverlag. Johann Jakob blieb drei Jahre in London, machte eine Lehre beim Klavierbauer Broadwood & Sons und sparte sich das Geld zusammen um nach Nordamerika auszuwandern.
Auswanderung in die Vereinigten Staaten
Im November 1783 verließ er dann England und setzte nach Amerika über. Dort lebte bereits einer seiner anderen Brüder, Heinrich (Henry) Astor, der dort, wie der Vater, als Metzger arbeitete. Johann Jakob Astor hingegen nutzte seine Erfahrungen aus England und begann mit dem Handel mit Musikalien und importierte Musikinstrumente. Ab 1785 begann er mit dem Pelzhandel, der ihn reich machen sollte. Wichtigster Ort des Pelzhandels in Nordamerika war das kanadische Montreal. Um die Pelze von dort in die Vereinigten Staaten zu bringen, mussten sie aber aufgrund des komplizierten britischen Zollsystems zuerst nach London verschifft werden, bevor sie von dort in andere Länder wie die USA exportiert werden durften.
Durch seinen transatlantischen Instrumentenimport hatte Astor die nötige Erfahrung und schreckte vor dem komplizierten Handel, anders als viele andere Kaufleute, nicht zurück. Der Pelzhandel florierte lange Zeit und Astor konnte sich immer weiter ausweiten. Im Zuge seiner Expansion entstand auch die erste amerikanische Siedlung an der Westküste: Fort Astoria, die heutige Stadt Astoria in Oregon, die nach ihm benannt ist.
Reichtum durch Landspekulation
1834 stieg Astor aus dem Pelzhandel aus und widmete sich ganz der Boden- und Landspekulation. Er kaufte Grundstücke, insbesondere in New York. Er setzte erfolgreich auf das Wachstum der Stadt. Dort konnte er Grundstücke zu einem Vielfachen des Einkaufswertes verkaufen oder verpachtete seine Grundstücke an Bauherren um sie nach Ablauf der Pachtzeit mitsamt des Gebäudes zurückzuerhalten.
Astor starb am 29. März 1848 als reichster Amerikaner mit einem Vermögen von 20 Millionen Dollar, was dem heutigen Wert von 110 Milliarden Dollar entspricht. Seiner Heimatstadt Walldorf vermachte er 50.000 Dollar für den Bau eines Erziehungs- und Altersheims. Das am 9. Juli 1854 eröffnete Astorhaus steht heute noch in Walldorf.
Astor hatte acht Kinder, wobei eines davon bereits als Säugling kurz nach der Geburt starb. Der als viertes geborene William Backhouse Astor erbte das Vermögen seines Vaters und seines kinderlosen Onkels Henry Astor, was ihn zum reichsten Mann der USA machte. Er konnte das Vermögen der Astor-Familie weiter vergrößern, indem er erfolgreich gegen ein Einkommensteuergesetz der amerikanischen Regierung klagte. Sein Vermögen teilte er zu gleichen Teilen zwischen seinen Söhnen William Backhouse Astor junior und John Jacob Astor III auf. Diese beiden spielen in unserer Geschichte der Astors jeweils keine so übergroße Rolle. Der erstere der beiden, also William Backhouse Astor junior, gründete aber mit zwei Partnern eine Stadt in Florida, die er Manhattan nannte. Diese wurde später zu seinen Ehren in Astor umbenannt. So trug auch er zur heutigen Verbreitung des Namens Astors bei. Eines seiner Kinder war John Jacob Astor IV.
Einstieg ins Hotelgewerbe
John Jacob Astor III hatte nur ein einziges Kind: William Waldorf Astor. Dieser eröffnete 1893 in New York an der Ecke Fifth Avenue / 33rd Street das Waldorf Hotel. 1897 eröffnete sein Cousin John Jacob Astor IV (s.o.) direkt daneben das Astoria Hotel. Beide Hotels wurden später zum Waldorf⸗Astoria-Hotel zusammengelegt. Der Doppelbindestrich symbolisiert die Zusammenführung der beiden zuvor eigenständigen Hotels.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde im damals noch eigenständigen Waldorf-Hotel der heute weltberühmte Waldorfsalat erfunden. Wichtigste Zutaten für diesen Salat sind Äpfel, Stauden- und Knollensellerie.
John Jacob Astor IV starb am 15. April 1912 beim Untergang der Titanic, als er sich auf dem Rückweg seiner Flitterwochen befand. Seine schwangere Frau fand Platz in einem der Rettungsboote und überlebte. Sein Cousin William Waldorf Astor wanderte 1890 mit seiner Familie nach England aus. Dem ging ein heftiger Streit mit seiner Tante Caroline Schemerorn Astor voraus. 1899 wurde William in Großbritannien eingebürgert. Seinen Reichtum nutzte er für wohltätige Zwecke, weshalb er 1916 als Baron Astor of Hever Castle in den erblichen Adelsstand aufgenommen wurde. Es folgten bis heute viele bedeutende Astors in England, die sich bspw. als Politiker einen Namen machten.
1925 wurde das Hotel verkauft, 1929 geschlossen und anschließend abgerissen. An dieser Stelle wurde noch im selben Jahr mit dem Bau des Empire State Buildings begonnen. 1931 eröffnete das heutige Waldorf⸗Astoria-Hotel. In dessen Untergeschoss gab es eine eigene Zigarettenfabrik für die Gäste des Hotels.
Aufstieg der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik
Damit können wir den Bogen zurück nach Deutschland spannen, wo die Zigarettenfabrikanten Marx und Müller 1905 die Namensrechte an „Waldorf-Astoria“ für Deutschland erwarben. So entstand 1906 die Waldorf-Astoria Company mit Sitz in Hamburg und Stuttgart. Von Anfang an dabei war Emil Molt, der die Fabrik leitete. Der prunkvolle Name Waldorf-Astoria sowie die Tabaksteuer für ausländische Konkurrenz sorgten für einen schnellen Aufstieg der Firma.
Wie der Stuttgarter Robert Bosch gehörte auch Emil Molt zu den sozial engagierten Fabrikanten. Er führte eine betriebliche Altersversicherungs- und Krankenvorsorge ein. Während der hohen Inflation führte er Wertgutscheine für seine Beschäftigten ein, die bei führenden Stuttgarter Banken, dem Spar- und Konsumverein sowie der Straßenbahn einsetzbar waren. Er richtete Kantinen ein, baute Erholungsheime und entwickelte Bildungsprogramme. Emil Molt gründete außerdem den ersten Betriebsrat in Württemberg. Während des Kriegs lieferte er Tabakwaren direkt an die Front und legte für die Soldaten kleine Heftchen mit Texten von Dichtern und Denkern bei wie Kleist, Storm, Hesse und Rudolf Steiner. Mit letzterem freundeten seine Frau und er sich 1907 an. Im selben Jahr wurde Molt mit 30 Jahren zum gleichberechtigten Partner der Waldorf Astoria Cigarettenfabrik.

Gründung der weltweit ersten Waldorfschule in Stuttgart
In den Jahren 1917 bis 1919 war die Fabrik auf dem Höhepunkt ihres geschäftlichen Erfolgs. 1919 wurde man zum königlichen Hoflieferanten. Im selben Jahr beschließen Emil Molt und Rudolf Steiner die Gründung der Waldorfschule, benannt nach der Zigarettenfabrik für dessen Arbeiterkinder die Schule gegründet wurde. Zu Beginn war die Schule rechtlich Teil der Zigarettenfabrik und die Lehrer waren Angestellte der Firma. Diese bezahlte auch das Schulgeld für die Kinder. Auslöser für die Idee der Waldorfschule war ein Gespräch zwischen Emil Molt und einem seiner Arbeiter. Dieser erzählte ihm, dass sein Sohn das Abitur gemacht hätte, obwohl er selbst keine Schule besuchte. Das Abitur zu machen war in der Unterschicht zu dieser Zeit eine seltene Ausnahme.

Die 1919 eröffnete Waldorfschule auf der Uhlandshöhe in Stuttgart existiert bis heute und war die erste Waldorfschule der Welt.
1920 wurde der Waldorfschulverein als wirtschaftlicher Träger der Schule gegründet.
1928 wird Emil Molt von der Universität Tübingen die Ehrendoktorwürde „in Anerkennung seiner Verdienste um Arbeitsfrieden und Betriebsgemeinschaft.“ verliehen.
Niedergang der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik
Ein Jahr später, 1929, zwingt die Wirtschaftskrise Molt zum Verkauf der Zigarettenfabrik. Käufer ist die Firma Reemtsma, die auch die Waldorfschule eine Zeit lang weiter bezuschusste und so vor dem Aus bewahrte. Bis ins Jahr 2015 vertrieb Reemtsma noch Zigaretten unter der Marke „Astor“ mit dem Porträt von Johann Jakob Astor auf der Packung bevor die Marke dann endgültig eingestellt wurde.
Noch einmal ein Schwenk in den englischsprachigen Raum: Der Name Waldorf ist vielen auch aus der Muppet Show ein Begriff. Dort gibt es die beiden nörgelnden Puppenfiguren Waldorf und Statler. Benannt wurden beide nach berühmten New Yorker Hotels: dem Waldorf Hotel und dem Statler Hotel. Die Ehefrau der Figur Waldorf heißt passenderweise Astoria. Somit geht auch hier der Name der Figur letztendlich auf die Stadt Walldorf zurück.
FC-Astoria Walldorf
Kommen wir nun zum Abschluss zurück in die baden-württembergische Stadt, wo der FC-Astoria Walldorf in der Fußball Regionalliga spielt. Dessen Vorgängerverein wurde 1908 gegründet und trug damals schon den Namen FC-Astoria 08 Walldorf. Was die Vereinsgründer damals zu dem Namen Astoria bewegte konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Zwar hat die Familie Astor viele Persönlichkeiten hervorgebracht, Anfang des 20. Jahrhunderts wirkten alle Astors aber offenbar schon in anderen Teilen der Welt. Einen direkten Einfluss eines Mitglieds der Astor-Familie auf die Vereinsgründung hat es also vermutlich nicht gegeben. In der auf der Vereinswebsite lesbaren Festschrift zum 110-jährigen Jubiläum ist die Vereinsgründung jedenfalls beschrieben und der Name Astor taucht hierbei nicht auf.
Vermutlich hat man sich hier einfach des Namens Astors bedient, weil er eben damals wie heute wohlklingend ist und mit Positivem assoziiert wird. Auch an vielen anderen Stellen stößt man in Walldorf noch heute auf den Namen Astor. So gibt es hier bspw. die Astoria Apotheke, den Astorpark, oder das Astoria Pizza House Walldorf. Eine Waldorfschule gibt es in Walldorf allerdings bis heute noch nicht.
So gelingt es mir am Ende zwar nicht den Bogen vom FC-Astoria Walldorf mit direkten Zusammenhängen bis zum berühmten Hotel und der Waldorfschule zu spannen, aber es wäre glaube ich auch falsch das ganze als völlig zusammenhanglos zu betrachten. Von daher hoffe ich zu der besseren Einordnung des Namens gesorgt zu haben.