Adventskalender (4): Die Absurdität des Golden Goal – Eigentore als Qualifikationsstrategie

Tag 4 im Blog-Adventskalender hier auf Tippspielcorner. Jeden Tag bis Heilig Abend gibt es einen neuen Blogbeitrag mit einer Anekdote, einem Rekord oder einem Kuriosum aus der Welt des Fußballs. Immer um 0 Uhr erscheint der neue Artikel. Hier könnt ihr alle Adventskalenderbeiträge einsehen.


Auch wenn die Grundregeln des Fußballs im Großen und Ganzen klar sind, gibt es doch immer mal wieder kleinere Anpassungen. Sei es Abseits, Golden und Silver Goal oder das Elfmeterschießen – ab und an wird neues ausprobiert. Manches bleibt bestehen, anderes hat, wie das Golden Goal, nur eine eher kürzere Zeit bestand. Doch dann gibt es noch Regeländerungen, die solch absurde Nebenwirkungen entwickeln, dass sie innert kürzester Zeit wieder abgeschafft werden. Eine Regeländerung, die definitiv in die letzte Kategorie gehört, ist der Qualifikationsmodus für die Karibikmeisterschaft, der 1994 für eines der verrücktesten Spiele der Fußballgeschichte sorgte. 

In der Qualifikationsgruppe trafen damals Barbados, Puerto Rico und Grenada aufeinander. Jedes Team musste einmal gegen die anderen beiden antreten, im Prinzip also nichts Außergewöhnliches. Auch wenn der Modus bis heute umstritten ist, weil die Mannschaften im letzten Spiel natürlich wissen, welches Ergebnis ausreichend zum Weiterkommen ist, wird diese Variante noch immer eingesetzt (aktuell in der Asien-Quali zur kommenden WM). Doch die Ausrichter beschlossen erstens, dass die Gruppenspiele nicht unentschieden enden durften und zweitens eine sehr spezielle Golden Goal Regel. Das erste Tor der Verlängerung beendete das Spiel, zählte aber doppelt ins Torverhältnis, da dieses ja auch fürs Weiterkommen relevant war. Bei einem Unentschieden würde ein Elfmeterschießen folgen.

Vor dem letzten Spiel Barbados-Grenada war die Ausgangssituation wie folgt:

Pl.LandSp.SUNToreDiff.Pkt.
1Grenada11002:0+23
2Puerto Rico21011:2-13
3Barbados10010:1-10

Barbados musste also gewinnen – und zwar mit zwei Toren Unterschied. Zunächst lief alles perfekt für Barbados, man führte 2:0 und war auf Kurs. Doch in der 83. Minute erzielte Grenada den Anschlusstreffer und verdrängte damit Barbados vom ersten Platz. Barbados‘ erste Reaktion war das zu Erwartende. Das Team begann Anzurennen, um das 3:1 zu erzielen. Als dies nicht gelang, veränderte Barbados seine Strategie. Ein Unentschieden würde die Verlängerung bedeuten und dort hatte man eine halbe Stunde Zeit, um mit einem doppelt zählenden Golden Goal den Zwei-Tore-Vorsprung wieder herzustellen. Und wie kommt man in die Verlängerung? Richtig, man schießt ein absichtliches Eigentor

Barbados hatte sein Ziel vorerst erreicht, doch drei Minuten Spielzeit mussten noch überstanden werden, in denen Grenada kein Tor schießen durfte – und zwar weder in das von Barbados, noch in das eigene. Dies führte dann zu der vollkommen skurrilen Situation, dass Barbados plötzlich beide Tore verteidigte, denn Grenada versuchte natürlich mit aller Kraft ein Eigentor zu erzielen. Pech für Grenada war, dass den Spielern von Barbados dies tatsächlich gelang. In der anschließenden Verlängerung erzielte Barbados das Golden Goal und fuhr zur Karibikmeisterschaft. 

Der Trainer Grenadas ließ im Anschluss seinem Unmut freien Lauf:

„Ich fühle mich betrogen. Die Person, die diese Regeln erfunden hat, muss ein Kandidat fürs Irrenhaus sein. […] Unsere Spieler wussten nicht einmal, in welche Richtung sie angreifen mussten: unser Tor oder deren Tor. Ich habe noch nie so etwas gesehen. Im Fußball sollte man für den Sieg für die eigene Mannschaft Tore erzielen und nicht für den Gegner.“

– James Clarkson, Trainer Grenadas [Sports Law]

Nach der Qualifikation, in der diese sonderbare Regelung viermal zum Tragen kam, verschwand sie vollkommen zurecht direkt wieder im Nirwana.

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