Tag 14 im Blog-Adventskalender hier auf Tippspielcorner. Heute ist der vierte Advent. Jeden Tag bis Heilig Abend gibt es einen neuen Blogbeitrag mit einer Anekdote, einem Rekord oder einem Kuriosum aus der Welt des Fußballs. Immer um 0 Uhr erscheint der neue Artikel. Hier könnt ihr alle Adventskalenderbeiträge einsehen.
Wenn heute europäische Spitzenteams in am Spätabend in der Champions League gegeneinander antreten ist es selbstverständlich. Und selbst im Amateurfußball kommt es heute im Winter regelmäßig zum Einsatz: Das Flutlicht! Es ist so selbstverständlich, dass man sich darüber selten Gedanken macht. Aber es gab Zeiten, da war das noch anders. Wann begann überhaupt die Ära des Flutlichtfußballs? So viel vorab: Der Weg dahin war erstaunlich weit.
Die Anfänge des künstlichen Lichts im 19. Jahrhundert
Um das erste Flutlichtspiel der Welt zu verstehen, müssen wir uns in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückversetzen. Strom war damals noch eine technische Sensation und elektrisches Licht befand sich in den Kinderschuhen. An eine flächendeckende Stromversorgung der Haushalte war noch nicht zu denken. Gaslampen beleuchteten Straßen und Theater, doch die Idee, ein ganzes Fußballfeld elektrisch zu erhellen, schien damals noch verrückt. Schließlich war weder die Leuchtkraft noch die Energieversorgung ausreichend entwickelt.
In dieser Zeit begann der Fußball in Großbritannien, sich zu organisieren. 1863 entstand die Football Association und immer mehr Vereine wurden gegründet. Spiele fanden meist am Nachmittag statt, bevor die Sonne unterging und ein Spiel unmöglich machte. Wer arbeitete, hatte daher kaum Gelegenheit, Spiele zu sehen. Ein Abendspiel unter künstlichem Licht hätte dieses Problem gelöst – und genau das machte es für experimentierfreudige Unternehmer so spannend.
Sheffield: Wie alles begann
Die englische Industriestadt Sheffield spielt in dieser Geschichte eine zentrale Rolle. Sie gilt ohnehin als Wiege des organisierten Fußballs – hier wurde bereits in den 1850er Jahren der Sheffield FC gegründet, der älteste Fußballverein der Welt. Der Verein existiert noch heute, spielt heute aber nur im Amateurbereich. Geschichtlich relevant ist Sheffield aber nicht nur für den ersten Fußballclub der Welt, denn genau hier fand am 14. Oktober 1878 das erste bekannte Fußballspiel unter elektrischem Flutlicht statt. Der Austragungsort war Bramall Lane, in dem heute Sheffield United seine Heimspiele austrägt.
Eine technische Sensation für 20.000 Zuschauer
Etwa 20.000 neugierige Zuschauer kamen an diesem Abend in das Stadion, um das Spektakel zu sehen. Das Spiel selbst war eher nebensächlich – es traten zwei lokale Auswahlmannschaften mit Spielern verschiedener lokaler Vereine gegeneinander an. „Rot“ gegen „Blau“, angeführt von den Brüdern und ehemaligen Nationalspielern William und Charles Clegg. Wichtiger als das Spielergebnis war die Frage: Reicht das Licht wirklich aus, um den Ball zu sehen?
Der Mann, der das Experiment zu verantworten hatte, war John Tasker. Seine Firma Tasker, Sons und Co begann schon 1878, also vor Erfindung der Glühbirne, Investitionen in elektrisches Licht zu tätigen. Um potentielle Kunden von seinem elektrischen Licht – Gasleuchten waren damals überall im Einsatz – zu überzeugen, erhellte Tasker einen offenen Platz auf dem eigenen Werksgelände. Das sorgte aber nicht für die erhoffte Aufmerksamkeit, daher kam Tasker die Idee des Fußballspiels. Offenbar die richtige Idee, wenn man sich die Zuschauerzahl ansieht. 20.000 Zuschauer war Zuschauerrekord, und das für ein Freundschaftsspiel! Allerdings zahlten wohl nur 12.000 Zuschauer Eintritt, während der Rest einfach über den Zaun kletterte.
Geglücktes Experiment: So hell wie 8.000 Kerzen
Vier Scheinwerfer der Firma Siemens & Halske (die heutige Siemens AG) erhellten das Spielfeld so hell wie es 8.000 Kerzen getan hätten. Dafür wurden neun Meter hohe Holzgerüste gebaut, auf denen die Scheinwerfer montiert wurden. Hinter jedem Tor stand jeweils ein Dynamo, der Strom für zwei Scheinwerfer erzeugte. Anfänglich waren die Lichtquellen zwar wohl noch nicht optimal positioniert und blendeten die Spieler, doch das wurde dann während des Spiels noch korrigiert. Das blaue Team gewann am Ende 2:0. William Clegg, der das blaue Team anführte, wurde später Bürgermeister von Sheffield.
Regelmäßiger Flutlichteinsatz erst Jahrzehnte später
In den folgenden Jahren fanden mehrfach einzelne Versuche mit Sportveranstaltungen unter Flutlicht statt, regelmäßig eingesetzt wurde die neue Technik aber lange nicht und so blieb der kommerzielle Erfolg für Tasker aus. Die Technik war einfach zu teuer und umständlich und zudem gab es auch keine dringende Notwendigkeit. Stattdessen spielte man einfach rechtzeitig bei Tageslicht und war auf keine künstliche Lichtquelle angewiesen.
Das erste Flutlichtspiel in Deutschland – und vermutlich auf dem europäischen Festland – fand 1926 in Hannover statt. Die türkische Nationalmannschaft traf damals auf eine Auswahlmannschaft des Norddeutschen Südbezirks.
Schwierigkeiten der Anfangsjahre
Es dauerte seine Zeit, bis alles rund lief bei Flutlichtspielen. Der Ball war damals noch lederbraun und nicht weiß und wurde daher mit Phosphor behandelt. Extra genutzte, glitzernde Flutlichttrikots waren luftundurchlässig und die Spieler schwitzten entsprechend. Aber all diese Kinderkrankheiten wurden ausgemerzt und so war das Flutlicht Geburtshelfer des Europapokals. Denn nun waren eben auch abends Spiele möglich und so konnte auch unter der Woche Fußball gespielt werden. Es gab extra Flutlichtpokale in verschiedenen Ländern. Der englische Ligapokal geht auf den damals eingeführten Southern Professional Floodlit Cup zurück.
Technischer Fortschritt: Von Glühlampen zu LED-Flutlicht
Was damals mit provisorischen Kohlenbogenlampen begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu hochpräziser Lichttechnik. In den 1960er und 1970er Jahren dominierten Quecksilberdampflampen und Halogen-Metalldampflampen, die ein helles, gleichmäßiges Licht ermöglichten. Heute setzen moderne Stadien fast ausschließlich auf LED-Flutlichtsysteme.
Der Wechsel auf LED hat mehrere Vorteile: geringerer Stromverbrauch, längere Lebensdauer und präzise Steuerbarkeit. Was einst als technisches Experiment begann, ist heute ein zentraler Bestandteil des modernen Fußballspektakels.
Flutlicht als Architekturmerkmal
Manche Stadien setzten aus Marketinggründen besonders spektakuläre Flutlichtmasten ein, etwa das Ullevi-Stadion in Göteborg oder das alte Parkstadion in Gelsenkirchen. Heute verschwinden viele dieser markanten Masten, weil die Beleuchtung in moderne Stadiondächer integriert wird – ein sichtbares Zeichen des technischen Fortschritts, aber auch ein Verlust für viele Fußballromantiker.
Fazit
Das erste Fußball-Flutlichtspiel der Welt am 14. Oktober 1878 in Sheffield war weit mehr als eine technische Spielerei. Für die damalige Zeit visionär, legte es den Grundstein für eine Entwicklung, die das Gesicht des Fußballs dauerhaft veränderte. Aus einem experimentellen Abend entwickelte sich eine Technik und Tradition, die heute nicht mehr vom Fußball wegzudenken ist.
Ohne das Flutlicht gäbe es keine Champions-League-Nächte, keine stimmungsvollen Abendspiele und keine weltweiten TV-Liveübertragungen in bester Bildqualität. Der Fußball, wie er heute existiert, ist untrennbar mit dieser Erfindung verbunden.
